𝐖𝐚𝐫𝐮𝐦 𝐦𝐚𝐧𝐜𝐡𝐞 𝐌𝐞𝐧𝐬𝐜𝐡𝐞𝐧 𝐢𝐡𝐫𝐞 𝐀𝐧𝐠𝐬𝐭 𝐞𝐢𝐧𝐟𝐚𝐜𝐡 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐥𝐨𝐬𝐰𝐞𝐫𝐝𝐞𝐧
Viele Menschen verbringen Jahre damit, ihre Angst loswerden zu wollen, sie suchen nach Lösungen, nach Heilungen, nach Techniken, nach dem einen Schlüssel, der endlich alles verändert, sie lesen Bücher, besuchen Seminare, machen Therapien, lösen alte Themen und arbeiten unermüdlich an sich selbst, und dennoch scheint die Angst zu bleiben. Manchmal wird sie sogar stärker. Warum? Weil Angst selten durch Kampf verschwindet. Solange Angst weg haben gewollt ist, solange sie als Feind betrachtet wird, solange gegen sie angekämpft wird, bleibt sie oft genau dort, wo sie ist. Alles, was wir ablehnen, halten wir fest, alles, wogegen wir kämpfen, bekommt unsere Aufmerksamkeit und damit unsere Energie. Es ist ein wenig so, als würde man versuchen, einen Wasserball unter Wasser zu drücken, je mehr Kraft man aufwendet, desto stärker schießt er irgendwann wieder nach oben.Vielleicht darfst du dir einmal eine ganz ehrliche Frage stellen, wovor hast du eigentlich Angst? Und wenn du glaubst, die Antwort gefunden zu haben, frage weiter. Was genau wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Viele Menschen bleiben bereits vorher stehen. Sie möchten die Angst nicht fühlen, sie möchten sie nicht anschauen, sie möchten sich nicht mit ihr auseinandersetzen. Doch genau dort beginnt oft die Freiheit. Denn wenn du wirklich bis zum Ende schaust, bemerkst du vielleicht etwas Erstaunliches. Die Angst lebt häufig nicht von dem, was gerade geschieht, sondern von dem, was vielleicht geschehen könnte. Sie lebt von Bildern, Vorstellungen und Szenarien, die der Verstand erschafft.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich selbst einmal durch eine Zeit gegangen bin, die ich rückblickend als die tiefste Hölle meines Lebens bezeichnen würde. Über mehrere Monate litt ich unter einer extremen Todesangst. Sie war morgens da, sie war mittags da, sie war abends da. Sie begleitete mich durch jeden einzelnen Tag. Irgendwann war mein System so überlastet, dass ich sogar Angst vor meinem eigenen Herzschlag hatte. Hörte ich ihn deutlich, entstand Angst. Hörte ich ihn nicht deutlich, entstand ebenfalls Angst. Es war, als hätte mein Verstand für alles eine neue Befürchtung gefunden. Ich suchte nach Antworten, nach Erklärungen, nach Wegen heraus, doch je mehr ich kämpfte, desto stärker wurde die Angst.Dann kam irgendwann ein Moment, der alles veränderte. Nicht weil die Angst plötzlich verschwand, sondern weil ich aufhörte, gegen sie zu kämpfen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich innerlich sagte: So kann es nicht weitergehen. Ich bin jetzt vollständig da. Alles darf da sein. Meine Angst darf da sein. Meine Gedanken dürfen da sein. Meine Gefühle dürfen da sein. Alles, was in mir auftaucht, hat das Recht, da zu sein. Es war wie die Hingabe oder Kapitulation eines Rehs, das aufhört vor etwas davonzulaufen. Nicht aus Schwäche, sondern weil keine Kraft mehr für den Kampf vorhanden war. Und genau dort begann etwas, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Vielleicht dürfen wir verstehen, dass alles, was in uns auftaucht, zunächst einmal eine Daseinsberechtigung hat. Unser Körper hat eine Daseinsberechtigung. Unsere Gefühle haben eine Daseinsberechtigung. Unsere Symptome haben eine Daseinsberechtigung. Unsere Angst hat eine Daseinsberechtigung. Wenn wir etwas ständig vor die Tür setzen wollen, klopft es immer lauter an. Wenn wir die Tür verschlossen halten, wird das Klopfen intensiver. Nicht weil es uns bestrafen möchte, sondern weil es gesehen werden möchte. Viele Ängste werden deshalb nicht größer, weil sie gefährlich sind, sondern weil sie jahrelang ignoriert wurden.Die meisten Menschen leiden nicht an ihrer Angst, sie leiden an ihrem Widerstand gegen die Angst. Sie leiden daran, dass sie das Gefühl nicht fühlen wollen. Sie leiden daran, dass sie ständig versuchen, innerlich davonzulaufen. Doch Angst möchte sich bewegen. Angst möchte gefühlt werden. Angst möchte durch das System hindurchfließen wie eine Welle, die an den Strand rollt und sich wieder ins Meer zurückzieht. Wenn wir diese Welle jedoch festhalten, wenn wir sie stoppen oder unterdrücken wollen, bleibt sie im System gebunden. Dann wird aus einer Welle irgendwann ein ganzer Ozean, der uns zu überwältigen scheint.
Viele Menschen beginnen deshalb irgendwann, ihr gesamtes Leben um die Angst herum aufzubauen. Sie fahren bestimmte Wege nicht mehr. Sie betreten bestimmte Orte nicht mehr. Sie sagen Verabredungen ab. Sie treffen Entscheidungen nur noch danach, was möglichst wenig Angst auslöst. Manche können ihrer Arbeit nicht mehr mit voller Kraft nachgehen. Andere verlieren immer mehr Lebensfreude. Wieder andere beginnen zu glauben, sie seien Opfer ihrer Angst. Doch in Wahrheit ist nicht die Angst der Gefängniswärter. Es ist die ständige Flucht vor ihr, die das Gefängnis erschafft.Natürlich verstehe ich jeden Menschen, der irgendwann einfach nur noch Ruhe haben möchte, wer über Monate oder Jahre unter starken Ängsten oder Panikattacken leidet, wünscht sich oft nichts sehnlicher als Frieden. Deshalb greifen viele Menschen nach Möglichkeiten, die Angst zum Schweigen zu bringen, häufig auch über Medikamente. Dieser Wunsch ist vollkommen nachvollziehbar. Wenn ein Sturm im Inneren tobt, möchte man verständlicherweise endlich Stille erleben. Doch was dauerhaft unterdrückt wird, verschwindet nicht automatisch. Es wird oft lediglich tiefer in das System gedrückt. Die Angst wird leiser, aber sie bekommt dadurch nicht unbedingt die Möglichkeit, sich vollständig zu zeigen und wieder zu gehen. Was nicht gefühlt werden durfte, wartet häufig weiterhin darauf, gesehen zu werden.
Der eigentliche Wendepunkt beginnt dort, wo der Kampf endet. Dort, wo du aufhörst, die Angst loswerden zu wollen. Dort, wo du bereit wirst zu sagen: Dann sei jetzt da. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt. Genau in diesem Moment. Denn was passiert wirklich, wenn du aufhörst wegzulaufen? Was geschieht tatsächlich? Dein Herz schlägt vielleicht schneller, dein Körper reagiert, Gedanken werden lauter, Gefühle werden intensiver. Doch frage dich einmal ganz ehrlich, was genau passiert gerade jetzt? Nicht morgen. Nicht in einem erfundenen Szenario. Jetzt, in diesem Augenblick.Vielleicht entdeckst du dabei etwas, das dein Leben verändern kann. Vielleicht erkennst du, dass die Angst selbst dir oft gar nichts antut. Vielleicht erkennst du, dass du die ganze Zeit vor einer Vorstellung davongelaufen bist. Vor einem Bild. Vor einem Gedanken. Vor einem möglichen Morgen, der noch gar nicht existiert. Und vielleicht erkennst du auch, dass du viel stärker bist, als du jemals geglaubt hast.
Vielleicht ist Angst deshalb gar nicht dein Feind. Vielleicht ist sie eine Tür. Und vielleicht verbringst du bereits Jahre damit, vor dieser Tür zu stehen und sie anzustarren. Doch die Tür wird sich nicht öffnen, solange du davor stehen bleibst. Sie öffnet sich erst, wenn du den Mut findest, hindurchzugehen.Und vielleicht wartet hinter dieser Tür nicht das, was du befürchtet hast.Vielleicht wartet dort die Freiheit, nach der du die ganze Zeit gesucht hast.
🪽🖤🪽 Deine Sandra Lumina 🪽🖤🪽