𝐖𝐚𝐬 𝐠𝐞𝐬𝐜𝐡𝐢𝐞𝐡𝐭, 𝐰𝐞𝐧𝐧 𝐝𝐮 𝐝𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐆𝐞𝐟ü𝐡𝐥𝐞 𝐮𝐧𝐝 𝐓𝐡𝐞𝐦𝐞𝐧 𝐣𝐚𝐡𝐫𝐞𝐥𝐚𝐧𝐠 𝐮𝐧𝐭𝐞𝐫𝐝𝐫ü𝐜𝐤𝐬𝐭?

Dieser Text trägt die Spuren einer wahren Geschichte, der Geschichte eines Menschen aus meiner Vergangenheit, dessen Weg mir gezeigt hat, wie tief ein Mensch sich selbst verlieren kann, wenn er über Jahre nicht bereit ist, seinem eigenen Inneren zu begegnen und mich somit inspiriert hat, diesen Text zu schreiben. Und vielleicht hilft er ja auch dir weiter, um wieder klarer zu sehen.

Es gibt Dinge in dir, die verschwinden nicht, nur weil du aufhörst, sie anzusehen. Gefühle lösen sich nicht automatisch auf, nur weil du sie tief genug vergräbst. Und eine Wunde heilt nicht immer dadurch, dass du irgendwann sagst: „Ich lasse das jetzt los.“ Manches darf gehen. Doch manches möchte vorher gesehen, gefühlt und verstanden werden. Es möchte dir zeigen, warum es entstanden ist, was es in dir berührt und weshalb es immer wieder vor deiner inneren Tür steht.

Vielleicht betäubst du dich mit Alkohol oder Drogen. Vielleicht flüchtest du in Arbeit, Essen, Beziehungen, Konsum, Sexualität oder permanente Ablenkung. Vielleicht brauchst du dafür überhaupt nichts von alledem und hast einfach gelernt zu funktionieren. Du stehst morgens auf, erledigst, was erledigt werden muss, oder auch nicht, lachst vielleicht sogar und sagst: „Alles gut.“ Und während dein Leben nach außen weitergeht, wartet tief in dir etwas, dem du seit Jahren ausweichst.

𝐄𝐧𝐞𝐫𝐠𝐞𝐭𝐢𝐬𝐜𝐡, 𝐝𝐚𝐬 𝐕𝐞𝐫𝐝𝐫ä𝐧𝐠𝐭𝐞 𝐯𝐞𝐫𝐬𝐜𝐡𝐰𝐢𝐧𝐝𝐞𝐭 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐞𝐢𝐧𝐟𝐚𝐜𝐡

Energetisch betrachtet ist das, was du unterdrückst, nicht automatisch aufgelöst. Trauer, Wut, Angst, Scham, Ohnmacht und alte Verletzungen können weiterhin eine Ladung in deinem Feld tragen. Du kannst eine Tür davor schließen, doch das bedeutet nicht, dass der Raum dahinter leer geworden ist.

Vielleicht hast du als Kind früh gelernt, deine Wut herunterzuschlucken. Du solltest dich zusammenreißen, nicht weinen, nicht laut sein. Also hast du irgendwann gelernt: Meine Gefühle sind zu viel. Jahrzehnte später reicht vielleicht ein einziger Satz und etwas in dir explodiert. Du selbst verstehst kaum, warum dich diese Kleinigkeit so tief trifft. Doch vielleicht war es niemals nur dieser eine Satz. Vielleicht hat er lediglich eine alte Tür geöffnet.

Deshalb reicht es manchmal nicht zu sagen: „Ich lasse meine Wut los.“ Vielleicht möchte sie dir zuerst zeigen, wo du verletzt wurdest, wo du zu oft geschwiegen hast, wo deine Grenzen überschritten wurden oder wo du dich selbst verlassen hast, um für andere angenehm zu bleiben. Manches kann erst wirklich gehen, nachdem es endlich gesehen wurde.

𝐖𝐞𝐧𝐧 𝐝𝐮 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐫 𝐰𝐢𝐞𝐝𝐞𝐫 𝐝𝐮𝐫𝐜𝐡 𝐝𝐢𝐞𝐬𝐞𝐥𝐛𝐞𝐧 𝐒𝐜𝐡𝐥𝐞𝐢𝐟𝐞𝐧 𝐠𝐞𝐡𝐬𝐭

Wenn du tiefe Themen über Jahre nicht anschauen möchtest, kannst du immer wieder durch ähnliche innere Schleifen gehen. Du kommst an einen Tiefpunkt, kämpfst dich gerade so heraus und denkst: Das war meine dunkelste Nacht. Jetzt habe ich es geschafft. Eine Zeit lang wird es etwas heller. Du atmest auf. Du glaubst, dieses Kapitel sei beendet.

Und irgendwann stehst du wieder dort.

Nur fühlt es sich diesmal noch dunkler an. Noch enger. Noch tiefer. Wieder bricht etwas weg, wieder kämpfst du dich hindurch und wieder glaubst du anschließend, nun müsse es endgültig vorbei sein. Bis die nächste Schleife beginnt.

Vielleicht sind das nicht immer neue dunkle Nächte. Sie berühren nur immer wieder dieselbe Stelle in dir, an der du seit Jahren vorbeigehst. Und irgendwann darfst du dich fragen: Was nehme ich eigentlich jedes Mal ungesehen mit in die nächste Runde?

Du kannst jahrelang in diesem inneren Hamsterrad laufen. Du kannst kämpfen, dich wieder aufrichten und weitermachen. Doch vielleicht besteht deine nächste Entwicklung gar nicht darin, noch eine weitere dunkle Nacht auszuhalten. Vielleicht besteht sie darin, endlich stehen zu bleiben.

Nicht schneller laufen. Nicht wieder betäuben. Nicht wieder sagen: „Ich habe es losgelassen.“ Sondern hinsehen.

𝐄𝐦𝐨𝐭𝐢𝐨𝐧𝐚𝐥, 𝐢𝐫𝐠𝐞𝐧𝐝𝐰𝐚𝐧𝐧 𝐰𝐢𝐫𝐝 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐧𝐮𝐫 𝐝𝐞𝐫 𝐒𝐜𝐡𝐦𝐞𝐫𝐳 𝐥𝐞𝐢𝐬𝐞𝐫

Wenn du jahrelang versuchst, bestimmte Gefühle nicht zu fühlen, wird irgendwann deine Freude leiser. Nähe berührt dich weniger. Begeisterung hält nicht mehr lange an. Dinge, die dich früher erfüllt haben, erreichen dich kaum noch. Du funktionierst halbwegs, aber irgendwo auf diesem Weg ist etwas von deiner Lebendigkeit verloren gegangen.

Gleichzeitig kann sich dein Kontakt zur Außenwelt immer weiter reduzieren. Du möchtest lieber allein sein. Vielleicht gibt es noch deinen Partner, deine Familie oder ein, zwei Menschen, die du wirklich nah an dich heranlässt. Alles andere wird dir schnell zu viel. Begegnungen strengen dich an, Einladungen sagst du immer häufiger ab wenn noch welche kommen, Gespräche bleiben oberflächlich und dein eigenes Zuhause wird zu dem Ort, an dem du dich am sichersten fühlst, dich aber lange nicht mehr wohl und geborgen fühlst.

Irgendwann bestehen kaum noch echte Verbindungen nach außen. Vielleicht sagst du dir sogar: Ich brauche die Menschen einfach nicht. Doch tief darunter kann etwas ganz anderes liegen. Vielleicht hast du irgendwann aufgehört, Nähe zuzulassen, weil Nähe etwas in dir berührt. Du hast vielleicht Menschen um dich herum und fühlst dich trotzdem innerlich alleine und von der Welt getrennt.

Und wiederum ein anderer Mensch greift jeden Abend zum Alkohol oder konsumiert täglich Drogen. Er sagt: „Ich möchte einfach abschalten.“ Doch irgendwann darf die Frage gestellt werden: Wovon möchtest du eigentlich abschalten? Von deiner Trauer? Von deiner Wut? Von deiner Einsamkeit? Von deiner Angst? Oder vielleicht von der Erkenntnis, dass dein Leben schon lange nicht mehr dem entspricht, was du tief in dir eigentlich leben möchtest?

Und so lebst du irgendwann Tag für Tag und Nacht für Nacht in den nächsten Tag und in die nächste Nacht hinein. Du betäubst dich, du schläfst teilweise, du wachst auf, du funktionierst und irgendwann betäubst du dich wieder. Die Tage wechseln, die Monate vergehen, die Jahre ziehen vorbei, doch innerlich bewegst du dich kaum noch.

Und ja, irgendwann darf man es deutlich sagen: Du verrottest innerlich.

Nicht dein tiefster Wesenskern. Aber das Leben in dir, das gelebt werden möchte, bekommt immer weniger Raum. Deine Freude verhungert. Deine Sehnsucht verstummt. Deine Träume werden leiser. Deine Welt wird kleiner. Und während du glaubst, du würdest nur deinen Schmerz betäuben, betäubst du Stück für Stück auch das, was dich lebendig macht.

Du existierst noch, aber du erlebst dich selbst immer weniger. Du wartest auf den Abend, auf die nächste Ablenkung, auf den nächsten Rausch, auf irgendetwas, das dich für ein paar Stunden nicht fühlen lässt. Irgendwann merkst du vielleicht nicht einmal mehr, wie weit du dich von dir selbst entfernt hast, weil dieser Zustand längst zu deinem Normal geworden ist.

„𝐈𝐜𝐡 𝐛𝐢𝐧 𝐞𝐛𝐞𝐧 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐫 𝐳𝐮𝐞𝐫𝐬𝐭 𝐟ü𝐫 𝐚𝐧𝐝𝐞𝐫𝐞 𝐝𝐚“

Und dann gibt es noch eine Form der Ablenkung, die auf den ersten Blick überhaupt nicht wie Flucht aussieht. Vielleicht sagst du: „Ich bin einfach ein Mensch, der immer zuerst für andere da ist.“ Du kümmerst dich, aber nur oberflächlich, bietest Hilfe an, hörst zu wenn du in der Lage dazu bist, versuchst Probleme zu "lösen", versuchst andere durch ihre Krisen zu tragen und weißt manchmal genau, was die Menschen um dich herum brauchen.

Wenn sowas aus echter Liebe entstehen, ist es wundervoll bereichernd für beide Seiten. Doch manchmal verbirgt sich darin auch etwas anderes: Solange du dich mit dem Leben aller anderen beschäftigst, musst du dich nicht mit deinem eigenen beschäftigen.

Du weißt genau, warum deine Freundin immer wieder beim falschen Partner landet. Du erkennst vielleicht auch sofort die Wunde deines Partners. Du spürst, was deine Familie braucht, selbst wenn du nicht drauf eingehen kannst. Du bist manchmal da, sobald irgendwo jemand fällt. Aber wenn es still wird und niemand etwas von dir braucht, weißt du plötzlich nicht mehr, was du mit dir selbst anfangen sollst.

Dann kann selbst Helfen zu einer Form des Weglaufens werden. Nicht bewusst und nicht aus böser Absicht. Aber das Außen hält dich beschäftigt. Dort wirst du gebraucht. Dort hast du eine Aufgabe. Dort musst du nicht fragen: Wie geht es eigentlich mir? Was fehlt mir? Was verdränge ich? Welche Entscheidung müsste ich längst treffen? Wo bin ich selbst unglücklich?

Manchmal ist es leichter, zehn andere Menschen zu helfen, als sich für eine Stunde ehrlich neben die eigene Wunde zu setzen.

Und genau deshalb bedeutet Selbstliebe nicht nur, für andere da zu sein. Sie bedeutet auch, irgendwann aufzuhören, dich selbst als den Menschen zu behandeln, der immer zuletzt an der Reihe ist.

𝐒𝐞𝐞𝐥𝐢𝐬𝐜𝐡, 𝐝𝐮 𝐞𝐧𝐭𝐟𝐞𝐫𝐧𝐬𝐭 𝐝𝐢𝐜𝐡 𝐒𝐭ü𝐜𝐤 𝐟ü𝐫 𝐒𝐭ü𝐜𝐤 𝐯𝐨𝐧 𝐝𝐢𝐫

Je länger du dir selbst ausweichst, desto schwieriger kann es werden, überhaupt noch zu erkennen, was du wirklich fühlst und brauchst. Was möchtest du? Wo sind deine Grenzen? Was erfüllt dich? Was verletzt dich? Warum hältst du an Dingen fest, von denen du längst weißt, dass sie dir nicht guttun?

Vielleicht bleibst du jahrelang in einer Situation, die dich unglücklich macht, weil darunter eine viel tiefere Angst liegt: Wenn ich gehe, bin ich allein. Und wenn ich allein bin, bin ich nichts wert. Dann möchte vielleicht nicht nur die äußere Situation verändert werden. Das darunterliegende Thema möchte gesehen werden.

Denn was du nicht anschaust, kann mit dir weiterziehen. Du kannst einen Ort verlassen, einen Menschen verlassen oder einen Lebensabschnitt beenden. Aber deine ungesehenen inneren Themen packen still ihre Koffer und reisen mit.

𝐏𝐬𝐲𝐜𝐡𝐢𝐬𝐜𝐡, 𝐢𝐫𝐠𝐞𝐧𝐝𝐰𝐚𝐧𝐧 𝐰𝐢𝐫𝐝 𝐝𝐞𝐫 𝐢𝐧𝐧𝐞𝐫𝐞 𝐃𝐫𝐮𝐜𝐤 𝐳𝐮 𝐠𝐫𝐨ß

Jahrelanges Unterdrücken und Betäuben kann auch psychisch enorm belastend werden. Innere Unruhe, Gereiztheit, Ängste, Rückzug, emotionale Überforderung, Leere oder starke depressive Verstimmungen können auftreten oder sich verstärken. Psychisches Leiden kann viele Ursachen haben, doch ständig vor dem eigenen Erleben fliehen zu müssen, kostet unglaublich viel Kraft.

Vielleicht warst du jahrelang der Mensch, der alles getragen hat. Du hast nie geweint, nie um Hilfe gebeten und immer gesagt: „Ich schaffe das schon, ich will nicht, dass sich einer Sorgen um mich macht.“ Und dann bringt dich eines Tages eine scheinbare Kleinigkeit zum Zusammenbrechen.

Doch vielleicht war diese Kleinigkeit niemals das eigentliche Problem. Vielleicht war sie nur der letzte Tropfen nach Jahren des Funktionierens.

Wenn Ablenkung, Alkohol oder Drogen längst dazu dienen, dich selbst nicht mehr fühlen zu müssen, entsteht daraus eine Abhängigkeit. Dann kann es notwendig sein, Unterstützung anzunehmen. Hilfe zu brauchen nimmt dir weder deine Kraft noch deine Selbstermächtigung.

𝐇𝐞𝐢𝐥𝐮𝐧𝐠 𝐛𝐞𝐝𝐞𝐮𝐭𝐞𝐭 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐫 𝐧𝐮𝐫 𝐋𝐨𝐬𝐥𝐚𝐬𝐬𝐞𝐧

Vielleicht dürfen wir deshalb auch in der Spiritualität aufhören, jedes unangenehme Gefühl sofort transformieren und loslassen zu wollen. Denn manchmal wird sogar das Loslassen zu einer eleganten Form des Wegschauens.

Manches möchte beweint werden. Manches möchte ausgesprochen werden. Manches braucht eine Grenze. Manches möchte verstanden werden. Manches möchte vergeben werden. Und manches wartet vielleicht seit Jahren nur auf diesen einen Moment, in dem du nicht wieder wegläufst, sondern dich ihm zuwendest und sagst:

„Diesmal bleibe ich. Diesmal schaue ich hin.“

Vielleicht fragst du dich beim nächsten starken Gefühl nicht sofort: Wie bekomme ich das weg? Vielleicht fragst du: Was möchtest du mir zeigen? Warum berührt mich das so tief? Was liegt darunter?

Dann wird aus Verdrängung Bewusstsein. Und aus Bewusstsein entsteht Verständnis. Aus Verständnis wächst Veränderung, und aus dieser Veränderung kann irgendwann etwas ganz von selbst gehen, das du jahrelang vergeblich loszulassen versucht hast.

Du musst heute nicht heilen, was du vielleicht zwanzig Jahre getragen hast. Doch du kannst heute aufhören, weitere zwanzig Jahre davor wegzulaufen.

Denn manches möchte nicht einfach nur losgelassen werden. Manches möchte zuerst gesehen werden. Und vielleicht endet deine alte Schleife genau dort, wo du zum ersten Mal nicht mehr vor dir selbst davonläufst, sondern den Mut hast, dir wirklich zu begegnen.

Sandra Lumina 💫

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