
Gott fragt nicht nach deiner Herkunft, denn durch Gottes Augen gibt es keine Fremden
Für mich beginnt wahre Einheit dort, wo wir aufhören, den Wert eines Menschen an seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Sprache oder seinem Geburtsland festzumachen. Ob deutsch, türkisch, russisch, afrikanisch, englisch oder aus welchem Teil dieser Erde auch immer, in uns leuchtet dasselbe göttliche Licht. Kein Mensch ist aufgrund seiner Herkunft mehr wert und kein Mensch ist weniger wert. Und dennoch bedeutet diese Sicht für mich keineswegs, dass wir menschliches Handeln nicht mehr klar benennen dürfen. Wenn ein Mensch stiehlt, einen anderen Menschen mit einem Messer angreift, vergewaltigt, einem Kind Gewalt antut oder auf andere Weise schweres Leid verursacht, darf die Tat als das gesehen werden, was sie ist. Auf unserer menschlichen Ebene braucht es Grenzen, Schutz, Verantwortung und gegebenenfalls polizeiliche oder gerichtliche Konsequenzen. Eine höhere Sicht bedeutet für mich niemals, Unrecht zu verharmlosen oder Menschen ungeschützt zu lassen.
Und dennoch gibt es für mich noch eine andere Ebene, die Gottesebene. Und dort verändert sich mein Blick vollkommen. Denn so, wie ich Gott empfinde, liebt Gott alle seine Kinder. Nicht nur diejenigen, die sich nach unseren menschlichen Vorstellungen richtig verhalten. Gott sagt nicht: „Dich liebe ich, weil du gut warst, und dich nicht, weil du gefallen bist.“ Diese göttliche Liebe ist für mich so unermesslich, dass sie weit über unsere menschlichen Kategorien von Schuld, Wert und Unwert hinausgeht. Durch Gottes Augen betrachtet verliert auch der Mensch, der etwas Schreckliches getan hat, nicht seinen göttlichen Ursprung. Das bedeutet nicht, seine Handlung gutzuheißen. Es bedeutet, zwischen der Tat eines Menschen und seinem tiefsten Ursprung unterscheiden zu können.
Genau darin liegt für mich ein Bewusstsein, das auf der Erde noch schwer zu verkörpern ist. Wir Menschen haben über sehr lange Zeit gelernt, in Schuld, Strafe, Gut und Böse, Zugehörigkeit und Ausgrenzung zu denken. Auf der menschlichen Ebene haben manche dieser Unterscheidungen auch eine notwendige Funktion, denn ein Zusammenleben braucht Regeln und Menschen müssen vor Gewalt geschützt werden. Doch auf der Gottesebene empfinde ich etwas anderes: Gott steht nicht über seinen Kindern und entscheidet, welches seiner Kinder noch Liebe verdient. Wenn alles aus Gott hervorgegangen ist und alles Leben letztlich Ausdruck dieser einen Quelle ist, dann würde Gott in jedem Wesen immer auch sich selbst begegnen. Aus dieser Sicht beschuldigt die Quelle nicht sich selbst, hasst nicht sich selbst und entzieht keinem Teil ihrer Schöpfung die Liebe.
Und vielleicht ist genau diese Unterscheidung so wichtig. Liebe bedeutet nicht, alles zu erlauben. Mitgefühl bedeutet nicht, keine Grenzen zu setzen. Einheit bedeutet nicht, eine Tat zu entschuldigen. Ich kann einen Menschen daran hindern, einem anderen Menschen zu schaden. Ich kann sagen: Das, was du getan hast, war nicht in Ordnung. Ich kann Schutz und Konsequenzen für notwendig halten. Und trotzdem kann ich mich weigern, den Menschen hinter seiner Tat zu entmenschlichen. Das ist für mich eine völlig andere Form von Bewusstsein. Nicht: „Du hast etwas Schreckliches getan, deshalb bist du kein Licht mehr“, sondern: „Ich sehe, was du getan hast, ich verschließe davor nicht die Augen, und dennoch erkenne ich hinter allem, was du geworden bist, deinen göttlichen Ursprung.“
Deshalb hat mich auch ein Kommentar unter einem anderen Beitrag so erschrocken. Dort ging es um einen ausländischen Mitbürger, der gestohlen hatte. Natürlich darf ein Diebstahl Konsequenzen haben. Was mich jedoch berührt und erschreckt hat, war der Hass, der sich plötzlich nicht mehr nur gegen die Handlung richtete, sondern gegen den Menschen und schließlich gegen ganze Gruppen: „Dreckspack“, „widerlich“, „raus mit euch“. Genau dort geschieht für mich etwas Entscheidendes. Aus der Ablehnung einer Handlung wird die Ablehnung eines Menschen, aus einem einzelnen Menschen wird plötzlich eine Herkunft, und aus dieser Herkunft wird ein Feindbild. Dabei wissen wir oftmals überhaupt nichts über die Geschichte, die Wunden oder den inneren Weg dieses Menschen.
Für mich hört Einheit deshalb nicht dort auf, wo es schwierig wird. Es ist leicht, vom Licht im anderen zu sprechen, wenn der andere liebevoll, freundlich und friedlich ist. Eine viel tiefere Ebene beginnt für mich dort, wo ich eine Handlung vollkommen ablehnen kann und dennoch erkenne: Auch hinter diesem Menschen existiert etwas, das aus derselben Quelle stammt wie ich. Vielleicht können wir die Dimension einer solchen Liebe als Menschen noch gar nicht vollständig erfassen. Eine Liebe, die nicht sagt: „Ich liebe dich, wenn du meinen Vorstellungen entsprichst“, sondern die das Wesen hinter all seinen menschlichen Verirrungen noch erkennt.
Und genau deshalb ist Herkunft für mich kein Maßstab. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit können überall auf dieser Erde entstehen. Ein Deutscher kann einen Türken ablehnen, ein Türke einen Deutschen, ein Mensch mit heller Haut einen Menschen mit dunkler Haut und ebenso umgekehrt. Die äußeren Rollen können wechseln, das Prinzip der Trennung bleibt dasselbe. Auch wir würden diesen Schmerz fühlen, wenn wir in ein anderes Land gingen und dort allein deshalb verachtet würden, weil wir Deutsche sind. Wenn wir wirklich in eine tiefere Einheit hineinwachsen wollen, können wir deshalb nicht nur verlangen, dass andere ihre Trennung aufgeben. Wir dürfen sie auch in uns selbst erkennen.
Für mich beginnt Einheit genau hier: In dir leuchtet dasselbe Licht wie in mir. Ich muss nicht gutheißen, was du tust. Ich darf Grenzen setzen. Ich darf Unrecht klar benennen. Ich darf Menschen schützen und Verantwortung einfordern. Doch ich muss dafür nicht hassen. Denn wenn ich durch meine menschlichen Augen schaue, sehe ich deine Geschichte, deine Entscheidungen und deine Handlungen. Wenn ich jedoch durch Gottes Augen schaue, sehe ich hinter all dem noch etwas anderes: ein Wesen, das seinen Ursprung niemals vollständig verlieren konnte.
Vielleicht ist das eine der tiefsten Erinnerungen unserer Zeit: Wir sind unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Geschichten und unzählige Ausdrucksformen des Lebens. Doch unter all diesen Formen liegt etwas, das keine Nationalität, keine Hautfarbe und keine Grenze kennt.
Wir sind viele Formen, doch das Licht, aus dem wir kommen, ist eins❤️
In Liebe, Sandra Lumina